„Das eiserne Kreuz“

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Wie in anderen Städten auch, stellte man in Heidelberg am 26. Juni 1915 im Hof des
Kurpfälzischen Museums ein großes Holzkreuz in Form des „Eisernen Kreuzes“ auf.
Es diente dazu, Gelder für das „Rote Kreuz“ zu sammeln.
Heidelbergs Bürger wurden aufgerufen, gegen eine Geldspende Nägel in dieses Kreuz
zu schlagen. Das dazu angelegte Spendenbuch ist noch im Stadtarchiv Heidelberg vorhanden.
Im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Ereignisse vor 100 Jahren ist auch das
originale hölzerne Kreuz mit eingeschlagenen Nägeln wieder aufgetaucht.
100 Jahre später, am 26. Juni 2015, wurde an selber Stelle im Innenhof des
Kurpfälzischen Museums mittels einer Malerei-basierten Performance mit
partizipativen Elementen an die historischen Begebenheiten erinnert
und zu Diskussion animiert.
Ausgehend von einer Fotografie der Aufbaute von 1915 malte ich ein Bild,
das die Grundlage lieferte für ein inhaltlich verschobenes Reenactment.
1915 wurden die Beteiligten gebeten, auf bühnenartigem Podest einen patriotisch
motivierten Akt der Partizipation auszuführen: das Einschlagen eines Nagels – ein verletzendes
Vorgehen zugunsten einer auf Heilung der verheerenden Auswirkungen des
kriegerischen, mehrheitlich als notwendig und reinigend erachteten Handelns
bedachten Organisation.
Paradox.
2015 diente der Innenhof des Museums als Ort für gemeinschafliches Erinnern und
Nachvollziehen und für (selbst-)kritische Überlegungen über mögliche und angemessene
Formen des Erinnerns und darüber, was Kunst an dieser Stelle vermag.
Ein Abbild (Malerei,2015) eines Abbildes (Fotografie,1915) wurde am historisch
authentischen Ort des Objekts installiert – die ursprünglich 3dimensionale Aufbaute
einer Dimension beraubt, wenngleich auf inhaltlicher Ebene um mehrere erweitert.
Paradox und ungenügend. Die Malerei wurde öffentlich attakiert und in einem Akt der
Partizipation mittels Sicherheitsnadeln, Tape und Gaze notdürftig geflickt.
Irgendwie heil- und hilflos.
Anlässlich des 100jährigen Bestehens des LWL-Landesmuseums für Kunst- und Kulturgeschichte
Münster, in welchem ich von 2007-2013 tätig war, gab es eine Ausstellung
zur Sammlungsgeschichte des Hauses; hier wurde ein Bildnis Kaiser Wilhelms II,
welches am Ende des 1.Weltkrieges von englischen Soldaten mit Messerstichen
attackiert worden war, einem Concetto spaziale Lucio Fontanas aus der Sammlung
Cremer gegenübergestellt.
Ich fand das damals zunächst dämlich.
Die Diskrepanz zwischen einerseits einer Attacke, die dem Abgebildeten und nicht dem
Bild gilt und also total dem Ideal, das Bilder Reales repräsentieren können, verpflichtet
ist, und andererseits der Öffnung des Bildraums, der Infragestellung der Illusion, der
Grenzauslotung zwischen Bild und Objekt, als avangardistische Konsequenz der
Zerstörung jeglicher Illusion faszinieren mich doch nachhaltiger
als zunächst wahrgenommen.
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